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Zum Glück nur eine prognostisch günstige ALL!

Das glaubt einem eigentlich keiner. Aber immer wieder beschleicht einen das Gefühl. Die Therapie läuft voran. 10 verschiedene Chemotherapeutika in wechselnden Kombinationen. Fast jede Woche, kaum Pause.

Unser Leben richtet sich nach dem Medikamentenplan eines Kindes. Unzählige Aufenthalte in der Klinik. Mal kurz - mal länger.

Glücklicherweise wird uns gesagt, die Form der Leukämie sei günstig. Das Gehirn ist auch zum Glück nicht befallen. Nach 30 Tagen Tortur sind keine Krebszellen mehr nachweisbar. Versteh mal einer, dass die intensiv-Therapie jetzt noch mindestens 6 Monate weitergehen muss...

Ok, auch verstanden. Diese Erkrankung ist heimtückisch. Weiter vergiften wir unser Kind, in der verzweifelten Hoffnung, es zu retten.

Sie ist so tapfer, so stark, so willig.

Erst kurz vor Schluss ist sie dem Ende buchstäblich nahe. Sie ist fast tot. Die kann und will nicht mehr. Wir halten Sie, schützen Sie, versuchen sie irgendwie zu motivieren. Wie macht man das? Das kann einem keiner beibringen.

Der Chefarzt sagt: "Die gute Prognose bei Krebs im Kindesalter ist dadurch bedingt, dass die Kinder im Verhältnis viel mehr aushalten können, als das ein Erwachsener jemals könnte. Die Kunst ist es den Krebs zu töten, ohne das Kind - eine Gradwanderung"

Hilft mir das jetzt?

An manchen Tagen schon.

Das Leben auf so einer kinderonkologischen Station ist komplett surreal. Geprägt von Hoffnung, Erfolg, Hoffnungslosigkeit und Misserfolg - Tür an Tür.

Endlich geschafft, nach 7 1/2 Monaten ist die Intensivtherapie beendet. Was für eine Erleichterung. Der zentrale Verweilkatheter wird wieder entfernt. Endlich ein Stück Freiheit. Wunderbar.

Selten freut man sich auf eine Operation. Unsere Tochter ist etwasangespannt aber dennoch gut drauf.

Im Aufwachraum sitzt neben mir eine anhaltend heulende Mutter. Der Sohn hatte eine Mandel-OP. Sie heult und heult. Ich wundere mich ein bisschen, bin ehrlich gesagt auf die Dauer etwas genervt.

Leider begeht sie in einer kurzen Atempause den Fehler mich zu fragen, weshalb wir da sind. Ich schildere kurz und unprätentiös den Grund - sie verstummt. Zumindest für einen Moment, um dann ihr sorgenvolles Wehklagen wieder aufzunehmen.

Ich weiß, für jeden ist sein eigenes Leid das vorrangige und für ihn im Moment das wichtigste und schlimmste, aber ich war nahe dem Lachanfall bei dieser für mich völlig absurden Szenerie.

Alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Mal wieder.

Das geht dann aber auch in anderer Richtung. Nach ein paar Monaten weiterer Erholung fahren wir alle zur Kur nach Sylt. Eine Familienreha mit va 25 anderen Familien mit krebskranken Kindern jeder Couleur. Da ist alles auf die Bedürfnisse solcher Familien abgestimmt, nur nicht darauf, dass man eigentlich gar nicht so wirklich wissen will, was es alles noch schlimmeres geben kann, als das was unserer Tochter passiert ist, wer alles Pech gehabt hat und die Erkrankung trotz guter Prognose trotzdem wieder kam.

Mantramäßig reden wir uns ein, dass ihr das sicher nicht passieren wird, bei all den guten Prognosekriterien. Manchmal fällt es mir dennoch schwer es zu glauben.

In jeder Unregelmäßigkeit, jedem Symptom außer der Reihe lauert die Gefahr. Noch läuft die Dauertherapie, eine tägliche und wöchentliche Chemotherapie-Berieselung. Noch bis Mai, dann sind zwei Jahre Therapie geschafft. Bis dahin weiterhin wöchentliche Blutbildkontrollen und körperliche Untersuchung.

Mal sehen, wie sich das verändert, wenn die Kontrollintervalle länger werden und keine Therapie mehr läuft. Ein Segen, wenn es wegfällt, endlich frei! Aber auch ohne das schützende Fangnetz. Ich bin sehr gespannt, wie sich das auf mich und meine Psyche auswirkt. Und ob mein Kind sich darüber Sorgen macht? Fragen möchte ich sie eigentlich nicht, keine Ängste schüren, die nicht da sind. Vielleicht Frage ich Ihre nette Therapeutin, zu der sie jede Woche geht.

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