Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

Vom Fluch und Segen der Pränataldiagnostik

2010 war ich gerade Fachärztin geworden. Wir hatten schon zwei Töchter. Aber unsere Familie fühlte sich noch nicht vollständig an. Mein Mann und ich hatten beide das Gefühl , dass noch jemand fehlt.

Kurz nach meiner Prüfung fuhren wir nach Sardinien in die Ferien. Drei Wochen später war ich mir sicher, dass ich schwanger bin. Wir freuten uns, alles lief gut. Bis zur zehnten Woche.

Als Gynäkologin sind die Möglichkeiten der Selbstuntersuchung vielfältig und werden auch genutzt.

Also schaute ich nach, ob es dem Embryo gut geht - und erschrak.

Aufgebläht wie ein Michelinmännchen. Nix da dicker Nacken. Das ganze Kind war eine Blase.

Ich rief meinen Chef an. Er schaute, verzog die Miene. Nicht nur das Aufgeblähte, sondern auch die Herzfrequenz passte nicht.

Er sprach über Trisomie 13 oder 18. Aber noch sei es zu klein, wir müssen abwarten.

Genetische Diagnostik ist auch noch zu früh.

Ich habe Dienst. Genau in dieser Nacht, kommt eine Frau in dem Kreißsaal, die ihr Kind mit Trisomie 13 austrägt und es mir in der 33. Schwangerschaftswoche aufgedunsen leblos in die Arme gebiert. Ich bin Profi, aber das war eine harte Erfahrung.

Ich begleite das Paar in ihrer Trauer. Gut, dass sie es vorher wussten und sich darauf vorbereiten konnten.

Nach 2 Wochen gehe ich ins Pränataldiagnostik-Imperium in Berlin. Vorab habe ich mit dem Chef kommuniziert. Ich bekomme einen Termin nach Wunsch!

Er untersucht unser Kind. Es ist immernoch aufgebläht. Aber er findet keine organischen Auffälligkeiten.

Eine genetische Abklärung ist erforderlich.

Chorionzottenbiopsie.

Wir unterschreiben die Aufklärung. Ich übersetze meinem Mann das eine oder andere. Er stolpert über dem Passus mit den Mosaiken. Ich erläutere es ihm mit dem Hinweis wie unwahrscheinlich das sei.

Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft. Der Fötus ist unbeeindruckt. Alles klar.

Wir gehen heim. Distanzieren uns von der Schwangerschaft.

Am nächsten Tag ruft mich der Arzt an.

Trisomie der k -Gruppe. Was bedeutet das? Ich bin ja kein Genetiker. Die K -Gruppe ist 18,19,20.

also wahrscheinlich 18.

Ich wundere mich. Eine Trisomie 18 ohne organische Veränderungen? Das ist seltsam. Aber ich schließe noch mehr mit der Schwangerschaft ab.

Am nächsten Tag habe ich wieder einen Termin, bei Donum vitae, zur Beratung. Da ist alles klar. Ich würde ein Kind mit Trisomie 18 nicht austragen wollen.

Ich begegne dem Arzt. Er nimmt mich mit ins Labor, setzt sich auf den Boden und schüttelt den Kopf. Alles verrückt. Die Molekulargenetik hat nun eine Trisomie 20 festgestellt. Als Mosaik.

Ich mache auch große Augen. Was bedeutet das?

Ich gehe zur Genetikerin. Sie klärt mich auf über evtl. Störungen bei den Kindern. Ich bin total verwirrt.

Als erstes muss jetzt ausgeschlossen werden, dass das Mosaik nur in der Plazenta ist. Würde ja zu dem unauffälligen Organstatus passen. Ich schöpfe wieder etwas Hoffnung.

Also Fruchtwasseruntersuchung. In dieser Woche eigentlich viel zu früh.

Egal, ich will jetzt Gewissheit haben.

Für die Fish-Diagnostik (24h-Test) zu wenig Zellen. Wir müssen auf die Kultur warten. 10 quälende Tage.

Dann kommt endlich das erlösende Ergebnis. Das Kind ist genetisch gesund und die Aufgeblähtheit ist auch wieder weg. Plazentamosaik. Mein Mann erinnert sich an unser Gespräch im Wartezimmer. Man weiß nicht ob man lachen oder heulen soll.

Plazentamosaike sind mit einem höheren Risiko für Schwangerschaftsvergiftung und zu kleinen Kindern assoziiert. Also gehe ich alle 2-3 Wochen zum Ultraschall.

Am Ende wurde unser Kind mit 4450g geboren. Gesund und munter.

Arbeiten war für mich nach diesem Wechselbad der Gefühle nicht mehr möglich.

In den Schwangerschaften zuvor hatte ich ein Urvertrauen zu mir und meinem Kind, dass mir das alles um mich herum nicht passieren kann und wird. Dieses Urvertrauen war nachhaltig beeinträchtigt. Ich war selbst verletzlich geworden, konnte nicht mehr abstrahieren.

Keiner nahm es mir übel.

Jeden Tag schaue ich in die Augen unserer Tochter und freue mich über ihre fröhliche und lustige Art des Umgangs mit dem Leben! Wie hätte sie mir gefehlt....

Das mit der Pränataldiagnostik ist wirklich kompliziert. In vielen Fällen ist sie segensreich, hilft den Familien, den Kindern, aber dann ist es wieder ein Fluch. Was macht man daraus. Wie reagiert man, wenn es nicht passt, was sind die Konsequenzen und wie geht man mit methodischen Schwachpunkten um? So schnell gibt es darauf keine Antwort. Ein echtes Dilemma.

Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: